Kleiner Wasserfall mit großer Geschichte
Mitten in Balduinstein plätschert ein kleiner Wasserfall in den Mühlenteich. Was heute wie ein idyllisches Detail am Weg wirkt, hat eine ungewöhnliche Geschichte: Er ist Teil eines historischen Aquädukts, das einst für Erzherzog Stephan Viktor errichtet wurde.
Schon vor der Fertigstellung der Lahntalbahn im Jahr 1862 plante Stephan Viktor eine direkte Verbindung vom Bahnhof Balduinstein zu seinem Schloss Schaumburg. Die Kutschfahrt zu seinem Anwesen sollte nicht nur bequem, sondern auch eindrucksvoll sein. So entstand das Aquädukt als Teil des Weges und zugleich als repräsentatives Eingangstor zum Schloss.
Für die Wasserversorgung wurde die Bogenbrücke eigentlich nicht benötigt. Das Wasser des Holzbaches wurde über das Aquädukt geleitet und fällt seither als kleiner Wasserfall in den Mühlenteich. Von dort floss es früher weiter zum Mühlrad der Mühle.
Anfang Juni 1864 waren Aquädukt, Thalhofweg und der dazugehörige Felstunnel fertiggestellt. Damit konnte man nun durchgehend vom Bahnhof zum Schloss Schaumburg gelangen – ganz im Stil der damaligen Zeit mit der Kutsche.
Rund hundert Jahre später drohte dem historischen Bauwerk jedoch das Aus. Mit seinen viereinhalb Metern Breite war das Aquädukt für moderne Fahrzeuge schlicht zu schmal geworden. Doch statt es abzureißen, entschied man sich für eine andere Lösung: Die heutige Kreisstraße K 25 wurde um das Aquädukt herumgeführt. So blieb das ungewöhnliche Bauwerk erhalten und kann bis heute entdeckt werden.
Wer war Erzherzog Stephan?
Hinter dem Aquädukt steht eine außergewöhnliche Persönlichkeit: Stephan Viktor (1817–1867), ein Urenkel von Kaiserin Maria Theresia und Mitglied des Hauses Habsburg-Lothringen.
Als höchster Vertreter des Königs in Ungarn bemühte er sich während der politischen Unruhen von 1848 um einen Ausgleich zwischen den ungarischen Freiheitsbestrebungen und dem Wiener Kaiserhof. Doch seine Vermittlungsbemühungen scheiterten. In Wien geriet er zunehmend unter den Verdacht, die Loslösung Ungarns von Österreich zu unterstützen und selbst nach der ungarischen Krone zu streben. Schließlich musste er sein politisches Amt aufgeben und zog sich auf die Güter seiner Familie an der Lahn zurück.
Hier fand Stephan Viktor ein neues Zuhause. Er widmete sich seinen Sammlungen, darunter Mineralien, Münzen und Bücher, ließ Schloss Schaumburg neu gestalten und empfing Gäste aus dem europäischen Hochadel. Bei den Menschen in der Region war er für seine gesellige und offene Art bekannt.
Der Erzherzog starb 1867 kinderlos in Menton. Seine letzte Ruhestätte befindet sich in der Gruft der Palatine im Burgpalast von Budapest.
So erzählt der kleine Wasserfall bis heute von einer Zeit, in der Kutschen zum Schloss fuhren, ein Erzherzog an der Lahn lebte und ein ungewöhnliches Bauwerk entstand, das bis heute erhalten geblieben ist.